Fallgeschichten aus dem Arbeitsalltag

30 Jahre Wohnungsnotfall-hilfe

Fallgeschichten aus dem Arbeitsalltag

Zehn Tage mit Herrn Abt

Herr Abt hat seine Arbeit gerne gemacht. Als ihm dann eines Tages völlig unerwartet gekündigt wurde, zog es ihm den Boden unter den Füßen weg. Er steckte wortwörtlich den Kopf in den Sand: Zahlte keine Miete mehr und meldete sich nicht arbeitssuchend – und verlor letzten Endes seine Wohnung. Nach sechs Jahren auf der Straße ist er jetzt bereit, eine neue Existenz aufzubauen. Herr Abt suchte sich dabei Unterstützung bei der Wohnungsnotfallhilfe – und in weniger als zehn Tagen haben wir gemeinsam sein Leben umgekrempelt:

Tag 1: In einem 60-minütigen Beratungsgespräch konnte die Ausgangslage von Herrn Abt klar benannt werden: Kein fester Wohnsitz, kein Einkommen, kein Krankversicherungsschutz, keine Ausweisdokumente und kein Konto. Gemeinsam erarbeiten wir einen Fahrplan. Tag 2: Damit Herr Abt schnell wieder ein regelmäßiges Einkommen hat, begleiten wir ihn zum Jobcenter. Er wird weggeschickt, denn er muss vorher eine Verlustanzeige für seinen verlorengegangenen Personalausweis aufgeben. Nach 2 Stunden auf dem Revier geht es wieder zum Jobcenter. Herr Abt erhält ein Darlehen für seinen Personalausweis und einen Antrag auf SGB II Leistungen. Tag 3: Herr Abt gibt Vollgas, er beantragt einen Ausweis, meldet sich bei der Krankenkasse an und wir vereinbaren Termine bei Vermietern. Tag 4: Volltreffer! Bei der ersten Maklerin kann Herr Abt Punkten. Sie vereinbaren einen Besichtigungstermin. Tag 5: Der Besichtigungstermin war erfolgreich, er möchte die Wohnung anmieten. Tag 6: Das Wohnungsangebot muss beim Jobcenter eingereicht werden. Wir können es kaum fassen: Der Antrag wird sofort geprüft! Tag 7:  Mit der Kostenzusage geht es zur Vermieterin. Tag 8: Der Mietvertrag kann unterzeichnet werden und ein Termin für die Wohnungsübergabe wird vereinbart. Tag 9: Abschlussgespräch: Herr Abt hat jetzt ein monatliches Einkommen von 435,- €, einen Krankenversicherungsschutz und einen bezahlten Wohnraum.

Herr Müller: Einsam und krank

Montagmorgen, ein Anruf auf dem Handy eines Straßensozialarbeiters: „Herr Müller ist verstorben.“ Ganze drei Wochen lag Herr Müller tot in seiner Wohnung. Die Nachbarn haben nichts bemerkt.

Wie bei allen Menschen in Armut und Wohnungslosigkeit war es ein schleichender Abstieg. Herr Müller war Selbstständig. Erst blieben Aufträge aus. Dann wurden die Schulden unüberschaubar. Herr Müller war privat krankenversichert und diese verwehrte die Unterstützung, weil die Beiträge nicht gezahlt wurden. Die Wohnung wurde unordentlicher und war kein Zuhause mehr. Die gesundheitlichen Probleme nahmen zu. Briefe von Behörden öffnete Herr Müller irgendwann nicht mehr und die Wohnung wurde letztendlich gekündigt. Es folgte ein unstetes Leben; Bekannte, Straße, mal hier, mal da.

Weil er so nicht mehr leben wollte und weil die gesundheitlichen Probleme zunahmen, sprach Herr Müller die Straßensozialarbeiter*innen der Stadtmission Chemnitz an. Man kannte sich eben von der Bahnhofsmission oder von den Plätzen, wo Herr Müller immer mal wieder war. Die Sozialarbeiter*innen organisierten eine neue Wohnung und gingen mit ihm den steinigen Weg, eine neue Krankenversicherung abzuschließen. Alles schien auf einem guten Weg. Doch die Jahre ohne medizinische Versorgung zollten ihren Tribut. Die Coronaschutzmaßnahmen verschärften zudem die Lage, da soziale Kontakte zwischen den Straßensozialarbeiter*innen und dem Hilfeadressaten erschwert wurden. Herr Müller verstarb in seiner neuen Unterkunft einsam und krank.

Herr Schönberg und das Trinken

Herr Schönberg weiß gar nicht, wann es angefangen hat mit dem Trinken. Er weiß nur noch, dass deswegen viele Sachen nicht so gelaufen sind in seinem Leben, wie er es sich gewünscht hätte. Aber das Trinken hat ihm auch geholfen: Immer dann, wenn er aufgeregt war, wenn Dinge von ihm verlangt wurden, die ihm einfach zu schwer waren. Herr Schönberg weiß, dass das Trinken genau diese Dinge nicht erledigte. Es machte sie aber leichter. Seine Wohnung hat Herr Schönberg nicht verloren, da hatte er immer etwas Glück und Freunde, die ihm mit den Anträgen und Bescheiden halfen. Nur seine Gesundheit, die ist nicht mehr die beste.

Deshalb sollte er eine EU-Rente beantragen. Ein halbes Jahr hat er dafür Zeit. Er weiß, wie wichtig das ist, doch war es ihm auch zu viel: Was er wann machen soll, was er nicht vergessen darf. Also flüchtete er sich wieder in den Alkohol. Und dann kam Corona und er ging gar nicht mehr aus dem Haus, nur noch zu dem Supermarkt, wenn das Bier alle wurde. Gegessen hat er auch immer weniger und seine Gesundheit sowie die Frist verlor er aus den Augen.

Es war wieder ein Freund, der ihm immer wieder sagte, er solle in den Tagestreff „Haltestelle“ gehen. Die Leute kennt er ja, dort war er immer mal, wenn die Einsamkeit zu groß wurde, oder wenn er warm essen wollte. Aber was werden die dort von ihm denken? Die werden ihm sicher sagen, dass er aufhören soll zu trinken, dass er doch nur den Antrag ausfüllen braucht, was ja nicht so schwer sein kann. Drei Mal ist er dort hingegangen, besser, daran vorbeigegangen. Hat auch mal reingeschaut und wir haben ihm einen Termin in der Beratungsstelle gegeben. Den Termin hat er dann doch wieder verpasst. Er hat sich nicht getraut.

Herr Schönberg brauchte ganze fünf Termine, bis er den letzten auch wahrnahm. Als er dann aus der Beratungsstelle kam, hat er sich gleich an die Straßenbahnhaltestelle gesetzt und ein Bier getrunken. Das war schon fast zu viel für ihn – aber erleichtert war er auch.

Frau Fröhlich will zu ihrem Mann

Frau Fröhlich war eine Frau, die ein langes Leben hinter sich hatte und kurz vor der Berentung stand. Ihr Ehemann verstarb nach einer langen Krankheit. Frau Fröhlich vermisste ihn sehr, obwohl das gemeinsame Leben mit ihm nicht einfach war. Die hübsch eingerichtete Wohnung war für sie allein laut KDU-Richtlinien nicht angemessen: zu groß und zu teuer. Sie wurde vom Jobcenter aufgefordert, umzuziehen. Schweren Herzens sprach sie in der Wohnungsnotfallhilfe vor und bat um Unterstützung.

Nach den Gesprächen mit den Sozialarbeiter*innen entschied sie sich zum Umzug. Mit Hilfe der Sozialarbeiterin des ABW fand sie eine hübsche Wohnung, dch der Umzug sollte nicht leicht werden: Da ihr Mann in der Wohnung viel geraucht hatte und die Wände deshalb gelb aussahen, forderte der Vermieter Frau Fröhlich auf, die Wohnung zu renovieren und mit einer speziellen Wandfarbe zu weißen. Das Geld für diese Renovierungsarbeiten hatte Frau Fröhlich nicht, und selbst die Wohnung zu renovieren konnte sie aus gesundheitlichen Gründen auch nicht.

Die Anträge auf Übernahme der Miete, Umzugskosten und ein Kautionsdarlehen wurden vom Jobcenter bewilligt. Der Antrag auf die Übernahme der Vorrichtungskosten dagegen abgelehnt. Für Frau Fröhlich war es sehr wichtig, die Wohnung in einem guten Zustand an den Vermieter zu übergeben. Mit Hilfe ihrer Sozialarbeiterin reichte Frau Fröhlich einen Widerspruch gegen die Entscheidung des Jobcenters ein. Das Warten auf eine Entscheidung sowie der Umzug selbst waren aufwühlend. Sie musste wieder fremde Hilfe annehmen, um Möbel zu entsorgen, sie dachte viel an gute und nicht so gute Zeiten ihres Lebens zurück und an ihren Mann, den sie so vermisste. Sie zog sie in ihre neue Wohnung ein, richtete sie gemütlich ein, doch die ausstehende Antwort vom Jobcenter ließ ihr keine Ruhe.

Einen Tag, bevor die positive Antwort vom Jobcenter kam, starb Frau Fröhlich. Sie hatte zuvor ihrer Freundin gesagt: Sie möchte gerne zu ihrem Mann.

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