Portraitreihe über unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihre Arbeit auch in Krisenzeiten meistern.

Portraitreihe über unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihre Arbeit auch in Krisenzeiten meistern.

Unsere Krisenbewältiger

Portraitreihe über unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihre Arbeit auch in Krisenzeiten meistern.

Bericht aus der Pflege: Vom Laufen

„Ich möchte wieder Laufen können! “äußerte eine Bewohnerin am Neujahrsmorgen, als ich sie nach ihrem Wunsch für 2021 fragte. “Wo würden sie denn hinlaufen?“ fragte ich. „Na, zu meinem Mann, zu meinen 5 Kindern und den Enkelkindern.“

Diesen Wunsch, wieder Laufen zu können, hatte an diesem Morgen sicher nicht nur diese Frau, sondern auch alle Verwandten, die über die Weihnachts- und Neujahrstage und darüber hinaus gern zu ihren Angehörigen ins Pflegeheim gelaufen wären, um sie zu besuchen, ihnen nahe zu sein und Zeit mit ihnen zu verbringen. Wieder überall hinlaufen, wo man möchte, diesen Wunsch werden in der aktuellen Situation viele Menschen teilen. Auch die meisten Kinder können durch die Corona-Krise gerade nicht in ihre Kindertagesstätten laufen, denn dort findet aktuell nur eine Notbetreuung für systemrelevante Berufe statt. Und so entstand die Idee, das Kita-Personal über die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel zur freiwilligen Unterstützung und zur seelischen Stärkung der Bewohner, die schon seit Tagen ihre Zimmer nicht verlassen konnten, in den Pflegeheimen der Stadtmission arbeiten zu lassen.

Und so lief ich los, es war noch dunkel am Morgen, lief mit leichter Anspannung und Respekt vor dieser Aufgabe los. Ich klingelte an der verschlossenen Türe des Pflegeheimes: Einweisungsgespräch, FFP2 Maske empfangen, Desinfektion, Corona-Schnelltest, Wechselsachen anziehen, Morgenroutine auf Station, Betten machen, Frühstück…

Ich lief von Bewohner zu Bewohner, um erste Kontakte herzustellen, lief von Zimmer zu Zimmer, um Aufgaben zu erledigen, lief von Eindruck zu Eindruck, lief von Begegnung zu Begegnung. „Seelische Stärkung der Bewohner ist mein Auftrag!“, dachte ich. Sprechen, sich interessieren, singen, Speisen servieren, vorlesen, segnen, beten…und immer wieder mit Einzelnen an die frische Luft laufen.

In Gesprächen bin ich mit Menschen in ihre reiche Vergangenheit gelaufen. Hier wurden mir berührende Lebenswege erzählt und ich war beeindruckt, dass Menschen, die im Bett oder im Rollstuhl saßen, dann doch durch ihr Leben laufen konnten, manchmal auch nur mit wenigen Worten.

Am letztem Tag meiner Tätigkeit lief ich verändert durch die Tür des Pflegeheims wieder hinaus: Berührt von einer Erfahrung, die ich nicht missen möchte, sicher auch erleichtert, es bewältigt zu haben, mit Respekt den Pflegekräften gegenüber und auf alle Fälle dankbar, selbst Laufen zu können.

Beim nach Hause laufen kam mir mein eigener Trauspruch mal wieder in den Sinn:“ Die auf den Herrn vertrauen bekommen immer wieder neue Kraft, sie Laufen und werden nicht matt, sie gehen und werden nicht müde.“ (Jesaja 40;31)

Ina Wild
Kita Regenbogen
Projekt Sprungbrett

Unsere Krisenbewältiger - Ein Blick hinter die Kulissen Teil 15

Karla und Johannes, die Kapitäne

Waren die Corona-Auswirkungen in jedem Bereich, jeder Abteilung der Stadtmission Chemnitz bereits überdeutlich zu spüren, so potenzierten sich die Probleme umso mehr bei den beiden Direktoren Karla McCabe und Johannes Härtel: Da stand an erster Stelle die Gewährleistung der Versorgungssicherheit für Klientinnen und Klienten sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, es galt Fragen zur Finanzierung laufender Projekte zu klären; Bürokratie, Kurzarbeit und Krisenkommunikation. Was ihnen dabei geholfen hat, das zu stemmen? Viel Kaffee und eine herausragende Teamleistung aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Corona – das kam Anfang des Jahres ziemlich unerwartet. Wie haben Sie die Anfangszeit wahrgenommen?

Karla McCabe: Das habe ich gerade in meinem Kalender nachgeschlagen: am 8. Februar, also relativ früh, haben wir als Vorstand entschieden: Das wird ernst, wir müssen unsere Führungskräfte zusammenholen und schnellstens Pläne schmieden. Das haben wir am 5. März auch gemacht: Letztmalig, wie wir heute wissen, dass wir ca. 40 Führungskräfte unseres Hauses physisch zusammenrufen konnten zu einer Krisenkonferenz. Danach haben wir uns in der großen Runde eigentlich nur noch in Telefonkonferenzen gehört oder in Webkonferenzen virtuell gesehen. Wir haben unserem Führungsteam damals gesagt: machen Sie Ihre Pandemiepläne, die Situation wird ernst. Wir haben auch jedem eine FFP 2-Maske ausgereicht, mehr hatten wir in dem Moment nicht, weil bereits keine Vorräte mehr verfügbar waren bei den Lieferanten. Das fühlte sich schon bedrohlich an.

Was war für Sie die größte Herausforderung während dieser Zeit?

Johannes Härtel: Wir brauchten dringend und schnell Klarheit bezüglich der Finanzierung laufender Projekte durch die Kostenträger. Das war von ganz hoher Bedeutung, denn als größter sozialer Arbeitgeber in Chemnitz müssen wir monatlich für über 1000 Mitarbeiter Gehälter zahlen, da können wir uns Zögerlichkeiten gar nicht leisten.

Karla McCabe: Die deutsche Bürokratie. Ich bin nicht sicher, was uns mehr beschäftigt: Das gefährliche Virus selbst – das nehmen wir nicht auf die leichte Schulter – oder das groteske Ausmaß an Bürokratie, dass uns als Sozialträger damit jetzt aufgebürdet wird. Außerdem hat sich der Arbeitsaufwand des Vorstandes, vorsichtig geschätzt, fast verdoppelt. Unsere Arbeitszeiten waren auch zuvor nicht eben familienfreundlich, seit März 2020 gibt es gar nichts anderes mehr als unserer Arbeit: Unser großes Schiff muss sicher durch den Sturm geführt werden, da ist es unsere klare Haltung, dass wir auf der Brücke sein müssen und jeder und jede aus der Mannschaft an ihrem Platz, damit keiner über Bord geht und das Schiff nicht leck schlägt.

Und was lief gut, was lief vielleicht nicht so gut?

Karla McCabe: Ich denke, die beste Entscheidung, die wir getroffen haben, war, von Anfang an ein gemeinsames digitales Portal zu schaffen, in dem alle Informationen und Arbeitsvorlagen verfügbar sind, die für Führungskräfte und Mitarbeitende wichtig sind. So haben wir zum Beispiel ein tägliches Update ins Leben gerufen, dass für alle Mitarbeiter unseres Hauses abrufbar ist: Das hat inzwischen 350 Seiten. Wohl gemerkt: Das sind nur die allerwichtigsten Informationen auf Unternehmensebene. Dazu kommen die vielen notwendigen Anweisungen in jeder Abteilung. Das gibt vielleicht ein kleines Gefühl dafür, mit welcher Menge an Veränderungen, Anweisungen und Neuerungen unsere Teams seit März umgehen mussten. Das ist eigentlich kaum vorstellbar. Man darf ja nicht vergessen, dass „nebenbei“ auch noch das Tagesgeschäft laufen muss ­– unsere Klientinnen und Klienten brauchen uns, eigentlich hat für Corona keiner Zeit. Wir haben versucht, von Anfang umfassend zu informieren, für die täglich neuen Probleme und Herausforderungen durch Corona schnell und unbürokratisch abteilungsübergreifende Lösungen zu finden und vor allem auch ungewöhnliche Wege zu gehen. Das funktioniert.

Johannes Härtel: Versorgungssicherheit für unsere Klientinnen und Klienten sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist zu jeder Zeit gegeben. Allerdings ist das auch eine Riesenherausforderung in allen Bereichen. Natürlich hat gerade so eine Situation wie Corona auch zutage gebracht, wo wir unsere Arbeitsprozesse, gerade im Verwaltungsbereich, weiter verbessern müssen. Das merkt man manchmal ja erst, wenn sie hart auf die Probe gestellt werden.

Was hat Ihnen dabei geholfen, den großen Arbeitsaufwand zu meistern?

Johannes Härtel: Kaffee! In großen Mengen.

Karla McCabe: Ganz eindeutig die Teamleistung. Viele unserer Führungskräfte sind gemeinsam mit ihren Teams über sich hinausgewachsen, haben schnelle, clevere und innovative Lösungen gefunden für den riesigen Aufwand, den Corona mit sich bringt. An den meisten Tagen habe ich das Gefühl, dass wir unser Unternehmen während Corona vollkommen neu erfunden haben: Neue Themen waren täglich aus verschiedenen Quellen zu scannen, bezüglich ihrer Bedeutung für unser Haus zu bewerten und mit unseren Führungskräften zu diskutieren, um schnell zu praxisnahen Lösungen zu kommen. Neue Herausforderungen bedeuten immer neue Arbeitsabläufe – was man also üblicherweise über einen Zeitraum sorgfältig entwickeln und dann im Qualitätsmanagement als Standard niederlegen würde, entwickeln immer wir im Moment oft über Nacht. Und das erstaunliche: Weil alle an einem Strang ziehen bei der Umsetzung, funktioniert es dann auch wirklich – manchmal ein bisschen holprig, aber es funktioniert. Das ist eine riesige Leistung.

Zudem vergessen wir nicht: Unser großes Schiff Stadtmission steht unter Gottes Schutz und er wird uns auch durch diesen Sturm wohlbehalten hindurchführen. Dafür beten viele Menschen in der Stadtmission und Freunde unseres Hauses außerhalb. Letztendlich haben wir eine große Verantwortung, auch nach Corona noch für so viele Menschen in Not, wie möglich, da zu sein. Das wird vor dem Hintergrund klammer kommunaler Haushalte die große Herausforderung der nächsten Jahre werden.

Gibt es etwas, was Sie unbedingt noch sagen möchten?

Johannes Härtel: Das Vertrauen der Mitarbeiterschaft und der Mitarbeitervertretungen in die Arbeit des Vorstandes war für mich sehr wichtig. Denn nur dadurch ist es uns gelungen, auch schwierige Themen, wie Kurzarbeit im Bereich der Zentralküche oder des Fahrdienstes, miteinander zu bewältigen. Mit Gottes Hilfe werden wir die Stadtmission durch die Corona-Zeit bringen. 

Karla McCabe: Unser Führungsteam ist spitze. Das ist in den letzten Jahren mit uns gemeinsam gewachsen. Viele Führungskräfte haben, glaube ich zu beobachten, in Corona erfolgreich ihre Feuertaufe bestanden: Bei „Schönwetter“ kann das jeder. Unter erheblicher Anspannung und mit teilweise kaum lösbaren Aufgaben schon nicht mehr. Die Teams gut führen, nach Möglichkeit für die Klientinnen und Klienten da sein und den Anspruchsgruppen von außen gerecht werden, während man zugleich noch die familiären Corona-Themen, wie zum Beispiel Kita-Schließungen und Kurzarbeit von Lebenspartnern oder auch eigene Corona-Erkrankung jonglieren muss – Respekt.

Und natürlich unsere Teams an den vielen Arbeitsstationen: Auch die sind über sich hinausgewachsen dabei, sich gegenseitig zu unterstützen und für ihre Klienten dazu sein – würde da jeder Dienst nach Vorschrift machen, würde alles zusammenbrechen. Wenn man Corona etwas Gutes abgewinnen will, dann das: Es hat uns zusammengeführt und die eigenen Stärken aufgezeigt.

Vielen Dank für das Gespräch

Unsere Krisenbewältiger – Ein Blick hinter die Kulissen, Teil 14

Franziska, die Brückenbauerin

Ohne Schülerinnen und Schüler keine Schule – die Schulschließungen im Rahmen des Lockdowns Anfang des Jahres hat nicht nur die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer betroffen, auch die Schulsoziarbeiterinnen der Stadtmission Chemnitz mussten von heute auf morgen ihren Arbeitsalltag umstrukturieren. Das oberste Ziel: Auch über die Schulschließungen hinweg als Ansprechpartnerinnen für die Schülerinnen und Schüler da zu sein und ihnen trotz der Umstände unterstützend zur Seite zu stehen.

Am 16. März wurden in Sachsen das erste Mal aufgrund der Corona-Pandemie die Schulen geschlossen – wie haben Sie das wahrgenommen?

Wir als Schulsozialarbeiterinnen sind ja logischerweise darauf angewiesen, dass die Kinder zur Schule gehen – und dann kam der Lockdown im März und es durfte niemand mehr die Schule betreten. Ich habe dann ein paar Termine telefonisch durchgeführt und haben schnell gemerkt, dass einige Schülerinnen und Schüler zuhause gar kein geeignetes Lernumfeld haben, sei es aufgrund der technischen Ausstattung oder aber auch der Überforderung der Eltern.

Im Mai hatte ich dann ein Gespräch mit einer Schülerin der 7. Klasse, die meinte: Wenn es ein Angebot gäbe, in dessen Rahmen sie jeden Tag zur Schule kommen könnte, dann wäre sie immer da. Das war so ein bisschen der Ausgangspunkt und die Motivation für mich, ein Angebot für die Schülerinnen und Schüler zu schaffen, dass ihnen über die Situation hinweghilft. Also haben wir gemeinsam im Kollegium überlegt, was man tun könnte.

Daraufhin ist die Lernwerkstatt entstanden. Was ist das?

Genau, ich habe gemeinsam mit einer Kollegin an der Schule ein Hygienekonzept erstellt für ein Angebot, bei dem die Kinder in einem entzerrten Rahmen vor Ort in der Schule ihre Aufgaben erledigen konnten. Das war sozusagen ein fixes Zeitfenster mit einer Lehrerin vor Ort zur Unterstützung. 24 Kinder haben das in Anspruch genommen. So konnte die Zeit bis zu den Ferien überbrückt werden – und in den Sommerferien haben wir ein ähnliches Format angeboten, die Sommerschule, die dafür genutzt werden konnte, um den Stoff des Schuljahres nachzuarbeiten bzw. zu vertiefen.

Wie waren Lernwerkstatt und Sommerschule inhaltlich aufgebaut?

Die Kids sollten in erste Linie während der Zeit den Bezug zum Lernen nicht verlieren. Durch das Angebot waren sie nicht so auf sich allein gestellt, sie haben Unterstützung erhalten – und trotzdem war vor allem die Sommerschule nicht allein aufs Lernen ausgelegt. Es gab zwischendurch immer wieder auch einen Ausgleich, wir haben freizeitpädagogische Angebote wie Boxen oder Klettern eingebaut. Die Gruppe ist während der Zeit wirklich sehr zusammengewachsen, das war ein ganz besonderes Gefühl.

Wie war das Feedback der Schülerinnen und Schüler auf das Angebot?

Die Resonanz war sehr gut, alle sind gut mitgekommen und konnten gut den Anschluss an den Stoff behalten. Auch die Lehrer und Eltern haben uns das zurückgemeldet. Aber auch über den Schulstoff hinaus war das für alle eine super wertvolle Erfahrung.

Was waren für Sie die größten Herausforderungen dieser Zeit?

Zum einen sind natürlich fast alle anderen Themen liegengeblieben in der Zeit, alles Organisatorische musste ich nach hinten schieben. Herausfordernd fand ich auch, den ganzen Tag mehrere Stunden am Stück mit der Gruppe zusammen zu sein, denn normalerweise sehen wir uns ja nur sehr zeitlich begrenzt für Gespräche oder einzelne Gruppenangebote.

Zum anderen ist die Lehre ja nicht mein eigentliches Arbeitsfeld: Ich bin erste Ansprechpartnerin für Krisen, Nöte oder Familienprobleme, also für all das, was kommt, bevor sich die Schülerinnen und Schüler auf die Schule konzentrieren können. Stoff zu vermitteln, oder Hausaufgabenbetreuung gehört nicht dazu – es war also schon spannend, das Ganze mal aus dieser Richtung zu betrachten.

Haben sich, jetzt, da wieder Einzelgespräche stattfinden konnten, die Probleme der Schülerinnen und Schüler durch Corona verändert?

Definitiv! Man merkt sehr stark, dass die Sorgen der Schülerinnen und Schüler sich viel mehr auf das Eigene beziehen, es gibt viele Fragen zu Identität oder Selbstwert. Normalerweise werden diese Themen ja mit Klassenkameraden besprochen und das ist dann plötzlich weggefallen.

Auch ein wichtiger, neuer Aspekt waren finanzielle Probleme der Familien, ein gewisser Spardruck und Sorgen in Bezug auf die Zukunft. Oder natürlich auch Ängste vor Corona, Ängste um die Eltern, die Risikogruppen angehören. Da gibt es bis heute Vieles, was noch nicht verarbeitet wurde, da ist auch weiterhin ein Austausch sehr wichtig.

Und wie sieht das Ganze jetzt aus?

Der zweite Lockdown hat die jungen Menschen wahrscheinlich nicht weniger stark getroffen. Aktuell versuche ich den Kontakt über Lernsax, Telefon und Mail zu halten. Dies ist allerdings nur in eingeschränktem Maße möglich und sorgt für erheblichen Mehraufwand. Doch es lohnt sich, den sowohl der Umgang mit Isolation und individuellem Lernen während der Lernzeit, als auch Streitigkeiten mit einzelnen Familienmitgliedern spielten bisher eine Rolle in den Telefonaten und Nachrichten. Ich kann es kaum erwarten, dass die jungen Menschen wiederkommen!

Vielen Dank für das Gespräch!

Unsere Krisenbewältiger - Ein Blick hinter die Kulissen, Teil 13

Martina, Frank, Norman, Steffen und Thomas, die Hüter über das Home-Office

Die Corona-Pandemie wird bereits jetzt als der große Digitalisierungs-Booster gehandelt: In der Veranstaltungsbranche, in Schulen, im privaten Bereich und nicht zuletzt am Arbeitsplatz haben die Kontaktbeschränkungen der vergangenen Monate die digitalen Angebote schlagartig ansteigen lassen. Diese Entwicklung hat auch vor der Stadtmission Chemnitz nicht Halt gemacht: Videoberatungen in der Lebensberatungsstelle, Homeschooling in den Partner-Werkstätten, Videochat-Besuche bei den Angehörigen im Pflegeheim sind nur drei Beispiele für das, was unsere IT-Abteilung 2020 geleistet hat.

Wie haben Sie die Zeit im März wahrgenommen, als Corona zum ersten Mal aufkam?

Thomas Pröhl: Wir haben in erster Linie unsere ganz normale Arbeit gemacht. Die größte Herausforderung im März und April war es, in großem Umfang die mobilen Arbeitsplätze zu organisieren, sodass alle Kollegen, bei denen das nötig war und ist, auch von Zuhause aus arbeiten können. Dank unseres Systems war das aber keine große Umstellung. Die Arbeit Zuhause funktioniert weitestgehend genauso, wie auch am Arbeitsplatz vor Ort.

Sie waren die Abteilung, die als erstes komplett ins Home-Office gewechselt ist – wie war das für Sie?

Frank Seidel: Wie gesagt, das Arbeiten an sich war zuhause eigentlich das Gleiche wie auch im Büro. Aber auf Dauer fehlt das gewohnte und geregelte Arbeitsumfeld. Das ist sicher Ansichtssache und jeder geht anders damit um, aber für mich wäre es kein idealer Dauerzustand.

Martina Drehmann: Das war schon spannend, vor allem am Anfang. Man hat sich gar nicht mehr persönlich gesehen, nur noch über Telefon und Chat kommuniziert. Das war ungewohnt und ich war doch überrascht, wie gut das funktionieren kann.

Was waren für Sie die größten Herausforderungen der vergangenen Monate?

Thomas Pröhl: Die größte technische Hürde war in meinen Augen einerseits die Einrichtung der Videoberatung für die Lebensberatungsstelle. Das haben wir sehr kurzfristig eingerichtet, um die zu beratenden Menschen bestmöglich und schnell auffangen zu können – mittlerweile funktioniert das in der Abteilung sehr gut und wird auch angenommen.

Aufreibend war andererseits auch die Hardware-Ausstattung der Partner-Werkstätten, bei denen wir das Berufsbildungszentrum ab April kurzfristig auf Homeschooling umgestellt haben. Hier war es wichtig, dass für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung weiterhin eine gewisse Tagesstruktur gewährleistet werden konnte, sie den Kontakt zur Außenwelt nicht verlieren und sie gleichzeitig auch Lerninhalte vermittelt bekommen. Gemeinsam mit den Kolleginnen Janine Heidl und Anja Heinzig aus den Partner-Werkstätten in Chemnitz und Waldkirchen haben wir diese Möglichkeit komplett neu eingerichtet – und es wurde und wird auch weiterhin sehr rege genutzt.

Martina Drehmann. Gerade in dieser Zeit haben wir außerdem eine neue Software zur zentralen Tourenplanung und Abrechnung bei unseren Sozialstationen eingeführt – das war schon seit Januar fest eingeplant und wir haben es dann trotz allem im Mai durchgezogen. Wir mussten alle Abstimmungen mit den externen Firmen und den betroffenen Abteilungen telefonisch oder per Videochat regeln. Das war unter diesen Rahmenbedingungen ein großer Kraftakt, aber hat am Ende erstaunlich gut funktioniert.

Konnten Sie für sich auch positive Erkenntnisse aus der Situation ziehen?

Frank Seidel: In einer Hinsicht hat uns Corona tatsächlich eher in die Hände gespielt: Einige Themen, beispielsweise ein Programm für Videokonferenzen, mussten wir durch die neuen Anforderungen sehr viel schneller ausrollen, als es eigentlich geplant war. Außerdem haben wir unsere bereits vorhandene CTI-Software, also die Rechner-Telefonie-Integration, erweitert: Eine Audiochatfunktion hat die Arbeit und Erreichbarkeit im Home-Office sehr erleichtert. Diese Erweiterungen waren schon länger forciert, aber hatten bisher nie oberste Priorität.

Thomas Pröhl: Aus IT-Sicht können wir jetzt ruhigen Gewissens sagen: Wir sind für derlei Situationen gut gewappnet. Die Strukturen sind stimmig und funktionieren, sodass wir sehr gut auf alle Gegebenheiten und Anforderungen reagieren konnten. Wir sind sehr stolz darauf, wie gut alles geklappt hat und auch die Rückmeldungen zeigen uns, dass sich die Strukturen für alle Kolleginnen und Kollegen bewährt haben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Unsere Krisenbewältiger - Ein Blick hinter die Kulissen - Teil 12

Draußen treffen: Soweit möglich wurden die Termine in der PSKB nach draußen verlagert.
Draußen treffen: Soweit möglich wurden die Termine in der PSKB nach draußen verlagert.
Eine Klientin hat während des Lockdowns das Stricken für sich entdeckt.
Eine Klientin hat während des Lockdowns das Stricken für sich entdeckt.

Susanne und Sebastian, die Optimisten

Die Corona-Pandemie belastet alle Menschen schwer, doch vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen leiden unter Kontaktbeschränkungen und Corona-bedingten Schließungen ihrer Angebote. Das spürten auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Psychosozialen Dienste der Stadtmission Chemnitz, wo im März von heute auf morgen die Beratungen vor Ort ausgesetzt werden mussten - und das auch noch in einer besonders schweren Zeit für die Betroffenen. Sebastian Uhlmann, Mitarbeiter im Bereich Ambulant Betreutes Wohnen, und Susanne Lipp, Mitarbeiterin im Projekt „Impuls“ haben das hautnah miterlebt und berichten von ihren Erfahrungen.

Wie haben Sie die ersten Corona-Auswirkungen im März auf Ihr Arbeitsgebiet miterlebt?

Susanne Lipp: Es herrschte eine große Verunsicherung bei allen. Als der „Lockdown“ kam, im März, hatte ich zum Beispiel innerhalb von zwei Tagen von einer Klientin 70 Sprachnachrichten auf dem Telefon – sie hatte solche Angst. Die Zeit hat sie extrem getriggert.

Sebastian Uhlmann: Wir haben Mitte März noch schnell eine Woche lang alle Besuche absolviert, um alles mit unseren Klientinnen und Klienten regeln zu können. Danach waren die Auswirkungen ganz unterschiedlich: Es gab Klientinnen und Klienten, die haben von den Maßnahmen so gut wie gar nichts mitbekommen, die haben sogar gesagt: Endlich leben mal alle so wie ich. Wieder andere haben sehr zu kämpfen gehabt. Gerade mit denjenigen, die normalerweise in der Partner-Werkstatt arbeiten und plötzlich den ganzen Tag zuhause saßen, habe ich viele Telefongespräche geführt.

Was haben Sie getan, um dem entgegenzuwirken?

Sebastian Uhlmann: Neben vielen Telefonaten haben wir versucht, unsere Termine möglichst in Form von Spaziergängen auf Abstand, draußen an der frischen Luft zu absolvieren – das war eigentlich richtig schön, so haben wir auch noch neue Ecken von Chemnitz kennengelernt. Außerdem haben wir einen Corona-Newsletter auf die Beine gestellt, mit allen aktuellen Infos für die Klientinnen und Klienten. Sie konnten dort aktuelle Verfügungen und Regeln nachlesen, aber auch mal ein Lieblingsrezept und kleine Aufgaben für zwischendurch. Das kam sehr gut an, wir haben richtig gutes Feedback und auch viel Dank dafür bekommen.

Susanne Lipp: Nach einer etwa zweimonatigen Zeit der Einschränkungen haben wir die Angebote unter den Hygienemaßnahmen wieder öffnen dürfen. Dort haben wir die Tagesstruktur mit viel Kreativität angepasst, haben Dinge verändert und Gruppen verkleinert. Aus dem Umstand heraus ist sogar eine neue, kleine Kochgruppe entstanden!

Was haben Sie in dieser Zeit als besondere Herausforderungen empfunden?

Sebastian Uhlmann: Ich fand besonders schwierig, jeden Tag die neuen Anforderungen und Regelungen an die Klientinnen und Klienten weiterzugeben. Da gab es ja auch mitunter Widersprüche und wir mussten daher viele Diskussionen führen, das war langwierig und anstrengend.

Susanne Lipp: Besonders schlimm fand ich persönlich, den Klientinnen und Klienten zu sagen: Ihr dürft nicht mehr das tun, was gut für euch wäre. Also alles, was ich normalerweise mit ihnen trainiere – Strategien wie Kontakte aufbauen, Hobbies suchen, rausgehen und nicht in der Wohnung allein bleiben – musste abgesagt werden. Plötzlich durften sie nur noch einkaufen und sonst nichts. Ich habe in der Zeit extrem viele Telefonate geführt – und meine Klientinnen und Klienten sind aus dieser Zeit definitiv nicht gesünder hervorgegangen.

Mit welchen Mitteln, abgesehen von den vielen Anrufen, haben Sie diese Probleme abgefangen?

Susanne Lipp: Ich habe immer versucht, meinen Klientinnen und Klienten Alternativen zu bieten, habe zum Beispiel versucht zu vermitteln: Jetzt ist die Zeit, um viel am PC zu spielen, jetzt darf es dir auch mal schlecht gehen, das ist okay, denn: Mit dir haben ganz viele Angst gerade. Ich war insgesamt einfach etwas großzügiger und nachgiebiger als sonst. Es war ja kein Normalzustand. In der Zeit hatten sozialpädagogische Störungen klar Vorrang, da ergab es keinen Sinn, langfristige Ziele zu verfolgen. Es ging vor allem darum, die Menschen durch die Krise zu bringen.

Ein Beispiel dafür: Normalerweise sollten die Klientinnen und Klienten ihre Anrufe bei der PSKB im Rahmen halten, auch, damit sie selbstständiger werden. In der Zeit haben wir was das anging, schon auch mal ein Auge zugedrückt. Sie durften bei Bedarf häufiger anrufen, da war es okay, auch mal einfach zu quatschen.

Gab es denn auch positive Auswirkungen in ihren Bereichen?

Susanne Lipp: Manche Klientinnen und Klienten haben aus der Situation tatsächlich auch ein großes Selbstbewusstsein gezogen, ihnen hat das Gefühl geholfen: Endlich leben mal alle so wie ich. Dadurch haben sie sich sicherer gefühlt als vorher und haben sich mal von einer ganz neuen Seite kennengelernt, nach dem Motto: ‚Jetzt ist mein Leben das Richtige‘.

Was man auch positiv hervorheben muss: Jetzt kennen die Leute mittlerweile alles, die ganze Situation ist für alle schon ganz gut durchgespielt, man muss nicht mehr allzu viel besprechen. So kann man jetzt, auch im nahenden Winter, gut auf das zurückgreifen, was man schon durchgemacht hat.

Sebastian Uhlmann: Es gab auch Klientinnen und Klienten, die haben verborgene Talente entdeckt: Eine Klientin ist zum Beispiel total im Häkeln aufgegangen. Und auch die Kontakte unter den Kolleginnen und Kollegen sind intensiver geworden, da wir uns alle gegenseitig ausgeholfen haben, das war auch wirklich positiv.

Gibt es noch etwas, was Sie gern loswerden möchten?

Susanne Lipp: Ganz besonders beeindruckend fand ich, dass drei meiner Kollegen, Claudia Flade, Sandra Mehnert und Mario Güths, während des ersten Lockdowns freiwillig in den Pflegeheimen der Stadtmission ausgeholfen haben. Dafür möchte ich mal Danke sagen!

Vielen Dank für das Gespräch

Unsere Krisenbewältiger - Ein Blick hinter die Kulissen, Teil 11

Anja und ihre Rechenexpertinnen

Auf den Knopf drücken und fertig ist der Zauber: So, oder so ähnlich wird sich manch einer die Arbeit in einer Lohnabteilung vielleicht vorstellen. Doch was auch in „normalen Zeiten“ schon wesentlich vielschichtiger und arbeitsreicher vonstattengeht, wurde durch Corona und unzählige neue Herausforderungen und Richtlinien vollkommen auf den Kopf gestellt und hat von Leiterin Anja Voigtländer und ihrem Team so einiges abverlangt.

„Wir mussten uns ab Mitte März mit unzähligen neuen Richtlinien und Gesetzestexten auseinandersetzen, alles lesen, erstmal für uns ordnen und dann ein System erstellen, um den neuen gesetzlichen Anforderungen gerecht zu werden“, erinnert sich Anja Voigtländer an die ersten Auswirkungen von Corona auf ihre tägliche Arbeit Anfang des Jahres. Ein solches System musste auch für die vielen neuen Gegebenheiten zur Berechnung des Kurzarbeitergeldes, der Quarantäne, den Kinderbetreuungszeiten im Zusammenhang mit der Bearbeitung der regulären Lohnabrechnung erarbeitet werden: „Wir haben Corona-Tagebücher für alle Abteilungen angelegt, um überhaupt erstmal zu erfassen, was dort gerade los ist. Denn Kurzarbeitergeld wird nicht nur einfach ausgezahlt, sondern muss schon vorher in einzelnen Anträgen und verschiedenen Zeitfenstern beantragt werden“, erklärt sie. „Dass es nie so wird, wie geplant oder beantragt, kann sich sicherlich jeder vorstellen. Und damit hatten wir die nächste Herausforderung auf dem Tisch.“ Dazu galt es, Überschneidungen zwischen den Anträgen und zusätzlich eingetretenen Fehlzeiten abzustimmen und in der Lohnabrechnung umzusetzen, denn auch die Lohnbuchungsprogramme waren auf eine Pandemie und ihre Auswirkungen nicht vorbereitet. Eine Mammutaufgabe bei etwa 1.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die im Lohn abgerechnet werden.

Was nach langatmiger, anstrengender und manchmal auch frustrierender Arbeit klingt, war zeitweise auch genau das, bestätigt Anja Voigtländer: „Wir mussten und müssen stetig evaluieren, was wichtig ist und was vielleicht noch wichtig werden könnte.“ Dazu kommt ein nicht zu unterschätzender Zeitdruck: Es gibt Lohnstichtage, an denen alle Informationen zwangsläufig eingepflegt sein müssen. Oder auch das knappe Zeitfenster der Pflegeprämie im Juni: „Binnen zwei Tagen musste diese Prämie beantragt sein. Das heißt: Überprüfen, welche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben überhaupt einen Anspruch und in welcher Höhe, denn nicht jeder hat pauschal laut Gesetz Anspruch auf die 1000 Euro der Corona-Prämie vom Bund. Das war von vielen Dingen abhängig: zum Beispiel von den Stundenanteilen in der Pflege, der Arbeitszeit und von Fehlzeiten“, erzählt die Leiterin. „Nach Geldeingang von den Krankenkassen mussten die Zahlungen individuell geprüft und in das Lohnprogramm integriert werden damit alle ihre Prämie mit dem nächsten Lohn erhalten konnten.“

Und all das natürlich neben dem „normalen“ Arbeitsalltag in der Abteilung und sehr vielen Anfragen, Rückfragen, Unsicherheiten – und auch Beschwerden, wie sich Anja Voigtländer erinnert: „Es gab fast täglich Änderungen und neue Regeln, das war schon auch Druck für uns, dass alles korrekt abläuft und zum Lohnstichtag dann auch passt. Meine Kolleginnen und ich haben in dieser Zeit bis heute eine Vielzahl von Mehrstunden geleistet und auch die zweite Welle Corona überschüttet uns aktuell mit vielen Quarantäne-Bescheinigungen und neuen Auszahlungen für den zweiten Teil der Corona-Prämie vom Land Sachsen. Auch hier gibt es leider viele Klärungsbedarfe und kaum ein Vorgang gleicht dem anderen.“

Trotz der hohen Belastung für die Lohnabteilung habe aber am Ende, vor allem dank der großen Einsatzbereitschaft des ganzen Teams, alles gut geklappt. Und Anja Voigtländer ist auch optimistisch: „Bei dem, was wir bis jetzt geleistet haben, schaffen wir auch das, was noch kommt!“

Vielen Dank für das Gespräch!

Unsere Krisenbewältiger - Ein Blick hinter die Kulissen, Teil 10

Ina, Kristin und Regina, die virtuellen Geschichtenvorleser

Das Projekt Sprungbrett im Kindergarten Regenbogen ist ein familienunterstützendes Angebot für Eltern und gleichzeitig ein Angebot zur sozialen und emotionalen Förderung von Kindern – es lebt von persönlichem Kontakt, Gesprächen, einem gewissen Miteinander. Während das alles durch Corona stark eingeschränkt war, galt es für die drei Mitarbeiterinnen, trotzdem weiterzumachen, kreativ zu sein und ihre Arbeitsweise umzukrempeln – mit Erfolg.

Essentiell für Ihre Arbeit ist der direkte Kontakt zu den Familien und Kindern. Wir haben Sie das in der Corona-Zeit, als die Kindergärten geschlossen waren, gehandhabt?

Ina Wild: Vieles ist am Telefon möglich: Erlebtes erzählen, den Tagesablauf durchgehen, sodass der Tag eine Struktur bekommt, Eskalationssituationen besprechen und dabei jeden in der Familie zu Wort kommen lassen, Aufgabenverteilungen regeln, Bewerbungen schreiben, die nächsten Schritte durchgehen. Aber auch ganz kreative Dinge konnten wir am Telefon erledigen: Gute-Nacht-Geschichten am Bett der Kinder lesen, nicht selten auch für die Eltern, mit den Kindern Spiele spielen: Raten und beschreiben, was man alles aus dem Fenster sieht? Jeder malt etwas, z.B. einen Baum und wir senden uns per Handy unsere Bilder, Geräusche, die es in der ganzen Wohnung zu finden gibt, am Telefon erraten und so weiter.

Ich hätte gar nicht erwartet, dass Begleitung und Förderung am Telefon so vielfältig, kreativ und intensiv sein kann, mit Kindern wie mit Eltern. Mal saß ich, symbolisch gesprochen, mit am Abendbrottisch, mal am Hausaufgabenschreibtisch der Kinder, mal in der Spielecke, am Bett der Kinder oder auf dem Sofa mit den verzweifelten Eltern.

Regina Mangold: Abgesehen vom Telefon standen wir mit den Eltern auch in Briefkontakt. Wir haben Aufgabenblätter für die Kinder erstellt und ihnen kleine Pakete geschickt, und auch Internetseiten rausgesucht und empfohlen, mit tollen Videos und Aufgaben, mit denen die Kinder sich in der Zeit beschäftigen konnten.

Wie erlebten die von Ihnen begleiteten Familien die akute Coronaphase?

Ina Wild: Im ersten Gespräch nach den Kontaktbeschränkungen beschrieben die Eltern diese Zeit, trotz aller Einschränkungen, als krafttankend. Natürlich trotzdem nicht konfliktfrei, aber die meisten hatten keine Termine, keine Schule, keinen Kindergarten, waren oft zu Hause und sind so von den täglichen Herausforderungen zur Ruhe gekommen. Alle Kräfte waren nach innen ausgerichtet. Gleichzeitig erlebte ich viel Angst und Unsicherheit. Kinder fassen alles an oder nehmen es sogar in den Mund. Eine ausländische Familie mit drei Kindern und kleiner Neubauwohnung ging drei Wochen nicht auf die Straße. Ich versuchte an diesen Stellen zu ermutigen, mit den Kindern in die Natur zu gehen.

Regina Mangold: Meine Familien haben auch versucht, Positives aus der Zeit zu ziehen, insgesamt empfanden Sie es aber eher als belastend. Gerade wenn die Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten, oder selbstständig sind, gab es viel Angst und viele Sorgen.

Und was lief nicht so gut?

Ina Wild: Es gab zum Beispiel eine Familie, mit der ich sehr schwer telefonisch Kontakt aufnehmen konnte und wo die Telefonate eher als aufdringlich und kontrollierend empfunden wurden. Das hängt sicher auch mit der Lebensgeschichte zusammen, die ein Mensch erlebt hat.

Wie verläuft Ihre Arbeit mittlerweile?

Regina Mangold: Mittlerweile läuft es wieder ziemlich normal, abgesehen von den Hygiene- und Abstandsregeln. Die Besuche sind wieder normal möglich, allerdings verlegen wir auch immer noch gern viele Gespräche nach draußen, um auch jetzt noch den engen Kontakt in geschlossenen Räumen zu vermeiden.

Wie empfinden Sie diese ungewöhnliche Zeit ganz persönlich?

Ina Wild: Unsere Menschlichkeit und Warmherzigkeit drücken wir ja oft auch durch Berührung aus: Hände schütteln und Umarmungen. Die nun sicher angebrachte Zurückhaltung, auch den Kindern gegenüber bedauere ich sehr! Aber es tat Mensch und Natur dennoch auch irgendwie gut, wenn alles mal ein wenig runterfährt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Unsere Krisenbewältiger - ein Blick hinter die Kulissen, Teil 9

Benjamin, der flexible Helfer

Alltagsbewältigung, Lösungsfindung bei Konflikten, Krisen und Erziehungsproblemen – all das sind normalerweise die Aufgaben von Benjamin Seyfert und seiner Kollegin Peggy Zettl, bei der Jugendsozialarbeit der Stadtmission Chemnitz. Die flexiblen ambulanten Hilfen stellen Kindern, Jugendlichen und Familien einen Ansprechpartner zur Seite, der sie ihn ihrem alltäglichen Lebensumfeld begleitet und unterstützt – und das auch, oder vielleicht auch erst Recht, in diesen nicht ganz alltäglichen Zeiten. Denn gerade seine Klientinnen und Klienten hatten mit dem plötzlichen Wegfall des Angebots durch die Kontaktbeschränkungen im März sehr zu kämpfen – Grund genug für Benjamin Seyfert, die Lage mit Kreativität und Flexibilität anzugehen.

Erinnern Sie sich noch, wie das Ganze im März begonnen hat?

Ja, ich weiß noch ganz genau wie es war: Wir saßen alle zusammen in der Mittagspause, das war am 13. März, und wir haben den Liveticker verfolgt. Zu dem Zeitpunkt waren in einigen Bundesländern die Schulen bereits geschlossen, wir haben also für hier das Gleiche erwartet. Das wurde dann auch für den 16. März angekündigt.

Und wie ging es dann für Sie weiter?

Ich war erkältet und wurde vom Arzt 14 Tage krankgeschrieben, das hieß, ich hatte gerade einmal zwei Tage, um alle von mir betreuten Familien zu kontaktieren und sie darüber zu informieren. Dort herrschte natürlich erstmal eine große Unsicherheit: Ich wusste ja selbst nicht, wann wir wieder normal arbeiten würden können, niemand wusste, was uns da bevorstand. Ich konnte ihnen diese Unsicherheiten also nur begrenzt nehmen, selbst keine klaren Ansagen machen – das war wirklich sehr schwierig.

Sie waren dann insgesamt fünf Wochen nicht „normal“ im Dienst.

Genau, ab Ende April konnten wir unsere Arbeit vor Ort unter Auflagen wiederaufnehmen, also mit den bekannten Hygiene- und Abstandsregeln. Wir konnten wieder Beratungen in unseren Räumen und auch Hausbesuche und Begleitungen auf die Ämter, sofern offen, anbieten. Da das Wetter ab April ziemlich gut war, haben wir unsere Beratungen kurzerhand nach draußen verlegt. Das wurde richtig gut angenommen. Viele Familien haben das richtig gebraucht, endlich mal wieder rauszukommen aus der Wohnung und wir waren in dieser Zeit extrem viel spazieren. Viele haben das dann richtiggehend eingefordert und es hat nicht nur ihnen, sondern auch mir sehr gut getan.

Letzten Endes war die Zeit, in der wir keine Termine wahrnehmen konnten, ja doch kürzer als gedacht, aber für die Familien war das trotzdem heftig – die waren richtig froh, als sie endlich wieder einen Ansprechpartner hatten.

Gab es auch Positives in dieser Zeit?

Einigen Kindern der von mir betreuten Familien bat ich an, gemeinsam Aufgaben für die Schule zu lösen, in Fächern wie Mathe, Biologie und Geschichte zum Beispiel. Wir haben dafür einen großen Raum mit Flipchart genutzt, dort konnte ich dies unter Einhaltung der Abstandsregeln realisieren. Das hat den Schülern viel Spaß gemacht – und auch mir sehr gut gefallen. Und das Feedback hat mir am Ende auch gezeigt, dass ihnen das wirklich was gebracht hat. Das war eine tolle ad hoc Aktion, die es so ohne Corona nicht gegeben hätte.

Auch positiv war für mich, mit den Kindern in der Natur zu sein und dabei etwas zu lernen und Wissen zu vermitteln, zum Beispiel über Bäume, Pflanzen, Tiere im Lebensraum Wald und auch ökologische Zusammenhänge. Das war mal etwas ganz Anderes als sonst.

Was war die größte Herausforderung in der Zeit für ihre Klientinnen und Klienten, aber auch für Sie?

Ich glaube, das war für mich vor allem diese Ungewissheit, und ist es auch bis heute. Die Frage, wie lange geht das noch so, wann wird es wieder normal. Aber auch, dass unsere Arbeit wirklich in fast jedem Punkt eingeschränkt war, auch Dinge, die vorher total selbstverständlich waren. Diese ständige Vergewisserung: Geht das jetzt, kann ich das so machen? Kann das so stattfinden?

Jetzt im Herbst wird es außerdem alles auch wieder schwieriger – nicht nur, weil die Zahlen wieder steigen, sondern vor allem wegen des Wetters. Wir werden nicht mehr alle Beratungen nach draußen verlegen können. Mit den Kindern kann ich es mir immer noch gut vorstellen, aber für die Eltern ist es oft schwerer, ihre Komfortzone zu verlassen.

Insgesamt ist unsere Arbeit heute einfach schon sehr anders als ‚vor Corona‘. Aber auch das meistern wir mit unseren Klientinnen und Klienten – bei den flexiblen ambulanten Hilfen ist das ‚Flexibel‘ Programm!

Vielen Dank für das Gespräch!

Unsere Krisenbewältiger - ein Blick hinter die Kulissen, Teil 8

Knut, der Chefeinkäufer

Der Club Heinrich ist für seine Besucherinnen und Besucher mehr als ein schlichter Tagestreff: Er ist ein fester Anker der Freizeitgestaltung. Seine Schließung für die Menschen mit Behinderung, die von Besuchsverboten und der vorübergehenden Schließung der Partner-Werkstätten ohnehin schon stark betroffen waren, ein Super-GAU. Mitarbeiter Knut Morgenstern hat die Schließzeit des Clubs daher aktiv genutzt, um das Leben für seine Klientinnen und Klienten so angenehm wie möglich zu gestalten: Mit Einkaufsdiensten, Spaziergängen auf Abstand und vielen langen Telefonaten.

Schon die ganze Woche sei komisch gewesen, erinnert sich Knut Morgenstern, ehe dann am 13. März (einem Freitag übrigens) der große Knall kam. Er weiß es noch, als wäre es gestern gewesen: Da herrschte gerade große Vorfreude auf eine Rüstzeit in Reudnitz, die in der Woche darauf starten sollte und auf eine Veranstaltung, die bereits in den Startlöchern stand – und dann kam der Anruf von Club-Leiterin Mandy Herrmann, dass der Club geschlossen werden muss.

Eine Hiobsbotschaft, doch Knut Morgenstern geht pragmatisch mit der schlechten Nachricht um: „Ich habe erstmal das ganze vorbereitete Essen zusammengepackt und in die Mobile Behindertenhilfe gebracht“, erinnert er sich, „und habe dann meine freigewordene Zeit neu geplant.“ Zunächst geht er alle liegengebliebenen Themen im Club Heinrich an, bringt die Räumlichkeiten zusammen mit seinen Kolleginnen in Schuss, es wird geputzt und geräumt. Eine gute Gelegenheit, um aufgelaufene Themen abzuarbeiten, findet er. Die übrige freigewordene Zeit investiert er dann in sein zweites Arbeitsgebiet, die WOLKEn, übernimmt dort Einkäufe, hält parallel dazu den Kontakt zu seinen Klientinnen und Klienten aufrecht. „Auch die Partner-Werkstätten waren ja geschlossen, es waren keine Besuche möglich. Das war für einige Klientinnen und Klienten nicht gerade leicht. Also habe ich mit vielen häufig telefoniert und später war ich dann auch mit einigen auf Abstand draußen spazieren“, erinnert er sich. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf seine Klientinnen und Klienten seien ganz unterschiedlich gewesen, einige haben die Situation sehr gut verkraftet, andere sind in ein richtig tiefes Loch gefallen – und haben auch lange gebraucht, um da wieder heraus zu kommen.

Doch hatte das Ganze durchaus auch positive Auswirkungen: Um die Bewohnerinnen und Bewohner der WOLKEn bestmöglich zu betreuen, waren die Alltagsassistentinnen und -assistenten in der Zeit häufiger vor Ort und hatten so viel mehr Zeit für die Betreuung: „Es war trotz aller Umstände eine sehr positive, sehr intensive Zeit und hat auch die Verbundenheit zu den Bewohnerinnen und Bewohnern der WOLKEn gestärkt“, resümiert Knut Morgenstern. Und auch die Dankbarkeit seiner Klientinnen und Klienten wird er so schnell nicht vergessen: Etwa, wie glücklich eine seiner Klientinnen war, als sie endlich wieder mit ihm zum Einkaufen fahren durfte, nachdem sie wegen eines gebrochenen Fußes das Haus schon länger nicht verlassen konnte.

Und trotzdem waren alle froh, dass der Club Heinrich Ende Mai endlich wieder öffnen durfte. Dank vieler kreativer Ideen läuft der Alltag mittlerweile sogar fast wie vorher – einige Formate etwa wurden verlegt oder umgestaltet, das Oktoberfest auf zwei kleinere Gruppen aufgeteilt. Die Besucherinnen und Besucher sind dankbar: „Für viele ist das hier wie ein zweites Wohnzimmer, unsere Gäste sind ja auch untereinander verbunden und freuen sich auf die regelmäßigen Treffen“, so Morgenstern. „Es ist eine richtige Gemeinschaft.“

Vielen Dank für das Gespräch!

Unsere Krisenbewältiger - Ein Blick hinter die Kulissen, Teil 7

Jessica, Katrin und Thomas, die Arbeitsfamilie

Mehr Zeit für die zu betreuenden Klientinnen und Klienten und eine besonders intensive Zusammenarbeit im Team – auch das hat die Corona-Zeit mancherorts bewirkt. So auch in der Evangelischen Sozialstation in Kemtau. Leiterin Jessica Richter berichtet gemeinsam mit ihren beiden Kollegen Thomas Bunge und Katrin Demmler über den Schnatterdienst, schwierige Entscheidungen und eine Eingebung beim Toilettenpapierkauf.

Wie haben Sie die Hochphase der Corona-Zeit Anfang des Jahres in der Sozialstation Kemtau wahrgenommen?

Jessica Richter: Beruflich war die Zeit für uns sogar eher positiv: Wir hatten viel mehr Zeit für unsere Klientinnen und Klienten, da durch die Kontaktbeschränkungen einige Termine abgesagt wurden. Gerade zusätzliche Leistungen wie Einkaufsdienste beispielsweise sind fast komplett weggefallen. Das hat dafür gesorgt, dass wir für die verbliebenen Kundinnen und Kunden mehr Versorgungszeit hatten – und das war eigentlich richtig schön, für beide Seiten.

Die Sozialstationen in Kemtau und Chemnitz haben Mitte März einen Schnatterdienst eingerichtet – was ist das?

Jessica Richter: Das bedeutet, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beider Sozialstationen regelmäßig bei den Kundinnen und Kunden angerufen haben, die in der Zeit gerade nicht, oder weniger betreut wurden. So konnten wir in Kontakt bleiben und auch mal über die aktuelle Lage in der Welt, über Sorgen und Ängste sprechen. Das wurde sehr gut von allen angenommen!

Wie haben die betreuten Kundinnen und Kunden die Zeit generell wahrgenommen?

Thomas Bunge: Bei unseren Kunden gab es schon viel Unsicherheit, viele Ängste und Sorgen. Da war viel Einfühlungsvermögen nötig, ihnen die Veränderungen und die neuen Regelungen näher zu bringen. Wir haben oft mit ihnen gesprochen, gemeinsam abgewogen, was nötig ist. Das hat, obwohl vieles telefonisch lief, bei einigen die Bindung sogar noch gestärkt. Die Kommunikation war in der Zeit wirklich das A und O.

Jessica Richter: Einige Kunden haben uns auch abgesagt und meinten, sie schaffen das allein, aber wir wussten ja, dass sie diese Versorgung eigentlich schon bräuchten. Da hatten wir manchmal ein ungutes Gefühl und wir mussten einigen gut zureden.

Und Sie als Team?

Jessica Richter: Ich persönlich habe jeden Mitarbeiter noch viel mehr schätzen gelernt. Wir haben hier in Kemtau sowieso schon eine richtige Arbeitsfamilie und so eine Situation schweißt natürlich nochmal mehr zusammen. Das war für uns alle eine sehr intensive Zeit, die mit allen Mitarbeitern etwas gemacht hat. Außerdem lernt man in einer solchen Ausnahmesituation den Stellenwert einiger Berufsgruppen noch mehr zu schätzen: Jede Reinigungskraft, jede Fachkraft wird gebraucht und ist wichtig, damit die ambulante Versorgung laufen kann.

Trotzdem waren wir natürlich auch oft unsicher: Was ändert sich für uns, was müssen wir beachten, wenn wir die älteren Personen in ihrer Häuslichkeit versorgen, um unsere Kundinnen und Kunden, aber auch uns selbst zu schützen. Da war viel Flexibilität gefragt bei der Planung. Wir haben uns oft im Team abgestimmt und mit der Geschäfts- und Bereichsleitung standen wir im regen Austausch. Und bei Hygienethemen konnte ich mich sehr auf Katrin Demmler, unsere Hygienebeauftragte, verlassen. Das alles hat mich in meiner Arbeit sehr unterstützt.

Apropos Hygiene – hatten Sie Probleme mit der Beschaffung von Schutzausrüstung?

Katrin Demmler: Überhaupt nicht, wir waren die ganze Zeit über super ausgestattet. Ich habe sehr frühzeitig eine Riesenbestellung aufgegeben, sodass wir jederzeit alles dahatten, was wir brauchten und uns die Lieferengpässe kaum betroffen haben, also auch Mundschutze und Desinfektionsmittel – und auch Toilettenpapier natürlich. Ich hatte da schon Anfang März so ein Gefühl, dass wir das noch brauchen würden und damit lag ich offensichtlich richtig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Unsere Krisenbewältiger - Ein Blick hinter die Kulissen, Teil 6

Grit, die Alleskönnerin

Normalerweise sind sie diejenigen, die die Meldungen der hauseigenen Notrufsysteme entgegennehmen. Durch Corona sind die Aufgaben des Hausnotrufes der Stadtmission Chemnitz allerdings exponentiell gewachsen – und um Themen wie Empfang, Wegweisungen Telefonseelsorge oder Informationsdienst erweitert worden. Wie das zu schaffen war, davon berichtet uns Grit Lange, die bereits seit über 20 Jahren im Hausnotruf arbeitet.

Frau Lange, wie hat sich Corona bei Ihnen in der Abteilung bemerkbar gemacht?

Die Hausnotrufzentrale befindet sich im Kreuzstift-Karre, neben Betreutem Wohnen, Haus Kreuzstift und der Evangelischen Sozialstation Chemnitz. Durch das Besuchsverbot und aus Sicherheitsgründen waren diese Einrichtungen allerdings ab Ende März nicht zugänglich – alle externen Besucherinnen und Besucher strandeten also zwangsläufig zunächst bei uns. Post, Apotheke, Handwerker, und auch diejenigen, die trotzdem zu ihren Angehörigen wollten. Auch alle Anrufe des Kreuzstift-Karrees sowie der Geschäftsstelle landeten bei uns – wir hatten während der Zeit täglich rund 50 Telefonanrufe mehr als normalerweise.

In diesen stressigeren Zeiten immer noch genau und konzentriert zu arbeiten – das ist sehr wichtig, aber auch anstrengend. Bei uns gehen zum einen Notrufe über das Hausnotrufsystem sowie Telefonanrufe von Interessenten oder Kundinnen und Kunden ein. Wenn ein Notruf eingeht, müssen wir also immer erstmal klären, ob es etwas Körperliches ist. Nach Abwägung verständigen wir, je nach Vereinbarung, den jeweiligen Pflegedienst, die Angehörigen oder direkt die Rettungsleitstelle. Auch wirken wir in der Wartezeit beruhigend auf den Hilfesuchenden ein. Oftmals drücken Kundinnen oder Kunden aber auch den Notruf, weil Sie einsam sind und Redebedarf haben. Besonders während des Lock-Downs war das wesentlich häufiger der Fall. Je nachdem, wie fit der- oder diejenige noch ist, geben wir in solchen Fällen auch die Telefonnummer der Telefonseelsorge weiter oder informieren die Angehörigen. Man braucht hier im Hausnotruf ein gutes Gespür für Menschen, muss sich aber oft auch ein Stück weit auf sein Gefühl verlassen und auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Wir sehen denjenigen am anderen Ende der Leitung nicht. Es ist eine große Herausforderung und viel Verantwortung, die Situation immer richtig einzuschätzen.

Inwiefern haben sich die Anrufe noch verändert?

Neben unserem täglichen Geschäft, also den Notrufeingängen und Telefongesprächen, bekamen wir auch etliche Anrufe von Angehörigen der Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims, es gab viel Verunsicherung und viele Fragen aller Art. Eine Dame rief zum Beispiel bei uns an, ihre Nachbarin habe sich Zuhause ausgeschlossen, ob sie sie trotz Corona mit zu sich nehmen darf. Es gab sehr viele Anrufe zu emotionalen Themen, die man im Alltag selten thematisiert. Das war ganz anders als sonst.

Was war dabei die größte Herausforderung?

Die vielen unterschiedlichen Themen – es gab immer drei Sachen auf einmal, die wir zu erledigen hatten, die uns aus der normalen Arbeitsroutine gerissen haben. Und die teils sehr aufwühlenden Anrufe haben auch viel mit einem gemacht.

Und was lief während der Zeit gut?

Einige Kolleginnen und Kollegen hatten erstmalig die Möglichkeit im Home-Office zu arbeiten, das war gerade für diejenigen gut, die weit weg wohnen. Das hat super funktioniert und war eine gute Alternative. Aber auch der Zusammenhalt im Team war sehr gut, alle haben sich gegenseitig super unterstützt. Die Situation war zwar ungewöhnlich, doch in der Not ist vieles möglich!

Was hat Ihnen durch die Zeit geholfen?

Ich mache meine Arbeit einfach gern. Es ist sehr abwechslungsreich, die Arbeit im Hausnotruf – man drückt hier nicht nur auf einen Knopf und gut. Die Aufgaben sind sehr breit gefächert, normalerweise schreiben wir auch Angebote, bearbeiten Anträge, kümmern uns um die Technik. Das alles musste natürlich liegen bleiben – jetzt läuft das Tagesgeschäft langsam wieder an.

Ich habe immer ein großes Gottvertrauen, dass sich alles irgendwie wieder zum Guten wendet. Die Situation mit Corona hat mich zwar nachdenklich gemacht, aber ich war zu keiner Zeit ängstlich. Ich mache mir da nicht so einen großen Kopf, nach dem Motto: Es wird schon werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Unsere Krisenbewältiger – Ein Blick hinter die Kulissen, Teil 5

Iris, die Mutmacherin

Während der strengen Kontaktbeschränkungen im März und April war die Einsamkeit für viele Menschen ein großes Problem – das spürten auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TelefonSeelsorge deutlich. Mutmachen und Zuhören waren dort mehr gefragt denn je – zusätzlich zu einer beinahe kompletten Umstrukturierung der Arbeitsabläufe. Wie gut das geklappt hat und wie beeindruckt Leiterin Iris Ciesielski von ihrem Team ist, das hat sie uns in einem Interview erzählt.

Welchen Einfluss hatte Corona auf die TelefonSeelsorge Chemnitz?

Corona hat auch in unserer Abteilung sehr vieles verändert und auch die scheinbar erstmal kleinen Dinge hatten und haben immer noch eine große Auswirkung auf unsere tägliche Arbeit: Zum Beispiel fallen natürlich auch bei uns die persönlichen Treffen weg. Zwischen den Diensten wird der gesamte Arbeitsplatz gründlich desinfiziert und um Risiken zu minimieren sorgt eine viertelstündige Pause dafür, dass sich die Kolleginnen oder Kollegen nicht begegnen. Normalerweise passiert bei diesen Dienstwechseln aber so viel, schwierige Situationen werden ausgewertet, es wird sich über schöne Gespräche ausgetauscht – das alles fällt nun weg. Unser alljährliches Sommerfest und geplante Weiterbildungen mussten wir leider absagen. Die TelefonSeelsorge lebt auch von Austausch unter den Ehrenamtlichen und es ist sehr schwer, damit umzugehen.

Abläufe mussten umstrukturiert, neue Wege gesucht werden. Und darüber hinaus kamen plötzlich von überall Presseanfragen, um die ich mich kümmern musste - worüber wir uns natürlich sehr gefreut haben. Aber eine solche Aufmerksamkeit für unsere Arbeit in der Öffentlichkeit würden wir uns natürlich nicht nur in Krisenzeiten wünschen, sondern zu jeder Zeit.

Was war dabei für Sie und ihr Team die größte Herausforderung?

Dass physische Treffen nur unter strengen Auflagen möglich sind, stellt uns bis heute vor große Herausforderungen. Die 5 Supervisionsgruppen der TelefonSeelsorge treffen sich normalerweise regelmäßig, um über die Anrufe zu sprechen. Dafür gibt es ohnehin strenge Vorgaben und eine Schweigepflicht, da die Gespräche strikt anonym behandelt werden müssen. Nun kommen noch andere Beschränkungen dazu, da sich die Gruppen nicht mehr ohne weiteres treffen können. Wir haben zunächst auf Telefonkonferenzen umgestellt. Das war eine gewaltige Veränderung, sowohl für die Ehrenamtlichen als auch für die Supervisorinnen. Absprachen sind auf diesem Weg inzwischen gut möglich – aber in einer Telefonkonferenz über schwierige und emotionale Gespräche reflektieren: das ist noch mal etwas ganz Anderes! Und trotzdem haben sich alle darauf eingelassen. Davon war ich schwer beeindruckt!

Generell waren alle Ehrenamtlichen die ganze Zeit über unglaublich engagiert – einige von ihnen hatten beispielsweise durch den Wegfall von Freizeitaktivitäten mehr Zeit für das Ehrenamt und waren häufiger als sonst im Dienst. Das war am Ende ein Gewinn für beide Seiten. Von dieser großen Bereitschaft war und bin ich wirklich sehr beeindruckt!

Haben sich, neben Ihren Arbeitsabläufen, auch die Anrufe verändert?

Ja, auf jeden Fall. Wir hatten viele Anrufer, die sich einfach mal ohne Wertung ausquatschen mussten über die Veränderungen, die sich für sie ergeben haben. Über den Wegfall einer Reise, auf die man lange gespart hat, über das Gefühl, eingesperrt zu sein, über die Angst vor Ansteckung oder auch über das Leid, Angehörige im Pflegeheim nicht besuchen zu können. Aber auch Krisen in Partnerschaften kamen häufiger zur Sprache als sonst. Wir haben vielen Menschen Mut gemacht, Anstöße und Input gegeben, „einfach nur geredet“. Ganz allgemein werden die Anrufe immer ernster, es gibt kaum noch Scherzanrufe – aber diese Tendenz gibt es schon seit einigen Jahren und hat nicht unmittelbar etwas mit Corona zu tun.

Was hat Ihnen dabei geholfen, die Zeit so gut zu meistern?

Die größte Motivation für mich war: Zu sehen, zu merken, es ist nötig was wir machen. Dass es eine gute Sache ist, gerade für Menschen, die sonst überall eher durchs Raster rutschen. Und mal wieder zu sehen, wie gut das Konzept TelefonSeelsorge funktioniert. Für diese Arbeit brennt mein Herz, das hat mir diese Zeit einmal mehr deutlich gemacht.

Ich fand es außerdem gut, nicht allein zu sein. Dass wir mit der Stadtmission einen großen Träger hinter uns stehen haben und Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner, wenn es mal brenzlig wird. Dazu gehört zum Beispiel auch Annette Buschmann, unsere Leiterin der Lebensberatung, die während der letzten Monate immer für die TelefonSeelsorge da war. Dafür bin ich sehr dankbar.

Vielen Dank für das Gespräch!

Unsere Krisenbewältiger - Ein Blick hinter die Kulissen, Teil 4

Die erste Besprechung des Tages fand täglich am Frühstückstisch statt.
Die erste Besprechung des Tages fand täglich am Frühstückstisch statt.
Ganz besonders während der Quarantäne war der Teamzusammenhalt: Auch schon mal beim gemeinsamen Sport nach der Dienstzeit.
Ganz besonders während der Quarantäne war der Teamzusammenhalt: Auch schon mal beim gemeinsamen Sport nach der Dienstzeit.

Das Team der „standhaften Sieben“

Vielleicht am intensivsten hat die Corona-Hochphase die Suchtfachklinik Magdalenenstift erwischt: Dort mussten im März sieben Kolleginnen und Kollegen gemeinsam mit 33 Patienten für 10 Tage lang in Quarantäne ausharren.

Kurz vor den strengen Ausgangsbeschränkungen im März kam sie, die Hiobsbotschaft: Eine Mitarbeiterin in der Suchtfachklinik Magdalenenstift wurde Corona-Positiv getestet. Eine Nachricht, die schnelles Handeln erforderte. Um ein Weiterverbreiten zu verhindern und Patienten sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen, wurde an einem Freitag um 9:35 Uhr, daran erinnert sich Suchttherapeutin Janine Geiler noch ganz genau, eine Teamberatung einberufen – und binnen zehn Minuten der Entschluss gefasst: Alle Patienten sowie ein ausgewähltes Team an sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werden sich bis zum Ergebnis zweier Corona-Tests in Quarantäne begeben. Und zwar unverzüglich.

Unverzüglich, das bedeutete: Ein Arzt, zwei Therapeuten, zwei Krankenschwestern, ein Ergotherapeut und eine Mitarbeiterin in der Küche fanden sich sofort und ohne zu zögern in kürzester Zeit zu dem Team zusammen, dass schon ab dem gleichen Tag im Haus bleiben wollte. „Das basierte natürlich auf Freiwilligkeit. Trotzdem haben wir auch geschaut, dass wir ein Team zusammenstellen, dass gut zueinander passt. Wir hatten zum Beispiel eine Schwester im Team, die Gitarre spielt und die Patienten mit kleinen Auftritten aufmuntern konnte“, erzählt Dr. Falk Weiß, Ärztlicher Leiter der Klinik.

Zehn Tage lang dauerte die Quarantäne. Zehn Tage, in denen einerseits natürlich vorrangig die Therapie weiterlaufen musste. Und das sogar ziemlich gut, wie sich Dr. Weiß erinnert: „Durch die Situation ist eine ganz besondere Beziehung zwischen den Therapeuten und den Patienten entstanden. In dieser Vertrautheit konnten Patienten zum Beispiel auch über Dinge sprechen, die sie sich sonst vielleicht nicht getraut hätten, zu thematisieren.“ Insofern war das am Ende sogar ein Gewinn für die Therapie.“ Zehn Tage, in denen andererseits die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber auch ihre Freizeit in der Klinik verbrachten, dort schliefen, ihre Mahlzeiten einnahmen. „Wir haben versucht, einen guten Kompromiss aus dem normalen Therapieprogramm, aber auch besonderen Aktivitäten anzubieten, um auch die Motivation bei den Patienten zu wahren“, so Dr. Weiß. In der freien Zeit wurden daher Lagerfeuer, Filmabende und Grillrunden organisiert, die Patienten selbst stellten ganze Turniere in Schach oder Billard auf die Beine.

Doch auch diejenigen, die nicht mit vor Ort waren, waren nicht untätig: Obwohl sich auch viele andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Quarantäne befanden, allerdings zuhause, entspann sich schnell ein unnachahmliches, komplexes Netz an Unterstützung – moralischer, aber auch ganz praktischer Art. Im Home-Office wurden etwa Mundschutze genäht; Angehörige von Mitarbeitenden organisierten Leckereien, brachten Kleidung und Hygieneartikel vorbei – natürlich alles unter strengster Einhaltung der Quarantänebestimmungen. Im Magdalenenstift wurde sogar, mit Unterstützung der Küche der Stadtmission, ein provisorischer Kiosk eingerichtet, wo die Patienten Kleinigkeiten wie Nervennahrung oder Zigaretten kaufen konnten.

„Die Ungewissheit war das Schlimmste“, erinnert sich Suchttherapeutin Janine Geiler zurück. „Nicht zu wissen, was bei den beiden Tests herauskommt und wie es weitergehen würde: Ob nach den zehn Tagen ein Wachwechsel würde stattfinden können, oder ob die Situation auf unbestimmte Zeit so weiterlaufen wird.“ Was dabei geholfen hat, war eindeutig der enge Teamzusammenhalt – es gab häufiger als sonst Besprechungen, außerdem wurde aber auch gemeinsam gefrühstückt und auch mal Sport gemacht. „Es wurde zu keiner Zeit Trübsal geblasen“, stellt Dr. Weiß erleichtert fest. 

Und wenn so ein Fall wieder einmal eintreten sollte? Die Antwort von Janine Geiler ist ganz deutlich „Ich würde das jederzeit wieder machen.“

Unsere Krisenbewältiger - Ein Blick hinter die Kulissen, Teil 3

Die Geduldigen

Im dritten Teil unserer Corona-Portraits haben wir die Partner-Werkstatt in Chemnitz besucht, wo ab Ende März für acht Wochen ein Betretungsverbot für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung die Produktion einschränkte, und für einen komplizierten Spagat zwischen der Produktion für Geschäftspartner und der sozialen Betreuung der Daheimgebliebenen sorgte.

„Die Allgemeinverfügung über das Betretungsverbot unserer Werkstätten hat uns von heute auf morgen erreicht – und aus der Kalten erwischt“, erinnert sich Heiko Wünsche, Leiter der Partner-Werkstatt Chemnitz, jetzt noch mit Schrecken an die Zeit Ende März. Schon vorher haben er und sein Team die Situation genau beobachtet. In den ersten Entscheidungen des Sozialministeriums und der Gremien kamen Werkstätten für Menschen mit Behinderung allerdings überhaupt nicht vor, der Fokus lag allein auf Kitas und Schulen. „Wir hatten nichts, woran wir uns festhalten konnten: Wie mit der Situation umgehen, was passiert seitens der Kostenträger – alles war sehr unklar und wir wussten eine Zeit lang nicht, wie es weitergeht“, erinnert er sich.

Mit dem Betretungsverbot und der Anweisung, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung zuhause bleiben müssen, ging es dann jedoch Schlag auf Schlag: Innerhalb eines Tages mussten rund 200 Telefonate geführt werden, die Köpfe und Ohren des Sozialen Dienstes und der Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter glühten förmlich. Gleichzeitig galt es, die wirtschaftliche Situation abzuschätzen und zu bewerten, immerhin standen die Maschinen eine Zeit lang still. „Wir konnten da aber sehr schnell Kompromisse im Interesse aller Beteiligten finden und haben uns mit unseren Geschäftspartnern gut einigen können, das hat bei beiden Seiten sehr den Druck rausgenommen.“

Mit einem Team aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurden die wichtigsten Aufträge der Industriekunden weiterbearbeitet, dennoch musste man die wirtschaftliche Situation insgesamt als angespannt bezeichnen aufgrund von Aspekten wie reduziertem Auftragsvolumen und Umsatzeinbrüchen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Kurzarbeit, großer Anspannung beim Treffen der richtigen Entscheidungen und der Ungewissheit bezüglich der Zahlung der Kostensätze durch die Kostenträger.

Und was hat diese Situation mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Partner-Werkstatt gemacht? Diese Frage kann Heiko Wünsche ohne zu zögern beantworten: „Wir sind als Team noch viel näher aneinandergerückt. Man konnte sich während dieser Ausnahmesituation untereinander mal aus einem ganz anderen Blickwinkel kennenlernen und auch fachlich über den eigenen Tellerrand blicken.“ Das habe dafür gesorgt, dass man Kolleginnen und Kollegen nochmal ganz anders wertschätzen lernen konnte – und hat bei fast allen für spannende Erkenntnisse gesorgt. Auch die Arbeitsteilung lief ohne Probleme, alle konnten sich bei Fragen und Problemen austauschen und aufeinander verlassen. Ein Fazit, das Heiko Wünsche immer wieder mit Nachdruck und viel Stolz betont: „Jeder hat seinen Beitrag geleistet – dass das so gut funktioniert hat, war am Ende eine Leistung aller.“ Und damit sind auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung gemeint: „Gerade für sie waren diese massiven Veränderungen ja besonders schwer, vor allem diejenigen, die auch noch allein waren und gar keinen sozialen Kontakt mehr hatten. Dass alle so gut mitgezogen haben, hat uns am Ende natürlich allen geholfen“, erzählt Alexander Lippold, Mitarbeiter im Sozialen Dienst der Werkstatt.

Die Freude war bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Behinderung riesig, als sie endlich wieder zurück an ihren Arbeitsplatz durften.
Die Freude war bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Behinderung riesig, als sie endlich wieder zurück an ihren Arbeitsplatz durften.
Auch heute noch ist einiges anders - der Tag beginnt mit Gesundheitsbefragungen, Anwesenheiten werden erfasst.
Auch heute noch ist einiges anders - der Tag beginnt mit Gesundheitsbefragungen, Anwesenheiten werden erfasst.

Acht Wochen dauerte das Betretungsverbot in den Werkstätten an, ab Ende April durften die ersten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung zurück in den Betrieb kommen und ihre Arbeit wiederaufnehmen. Wer das sein sollte, das musste sorgsam abgewogen werden: „Einerseits wurden natürlich diejenigen zuerst zurückgeholt, die essentiell waren für den wirtschaftlichen Betrieb“, erzählt Evelyn Donath vom Sozialen Dienst. „Andererseits mussten wir auch schauen: Wo läuft es Zuhause nicht mehr so gut, wo muss dringend wieder eine Tagesstruktur geschaffen werden, wo konnten wir es aufgrund der gesundheitlichen Einschränkungen verantworten.“ Eine große Verantwortung für den Sozialen Dienst – doch das Wohl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stand die ganze Zeit im Vordergrund. Um den Kontakt zu halten, wurden die Daheimgebliebenen zudem während der ganzen Schließzeit wöchentlich angerufen. „Das war natürlich ein großer Aufwand, aber auch sehr nützlich – fast alle waren sehr dankbar für diese Telefonate“, so Alexander Lippold.

Diese „Rückkehr“ der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung sorgte am Ende des Betretungsverbotes Ende Mai auch für das wohl emotionalste Highlight der Corona-Zeit: Ein lauter Freudenschrei beim Verlassen des Busses, vor lauter Vorfreude auf die Rückkehr an den Arbeitsplatz.

Auch heute noch ist der Alltag in der Partner-Werkstatt ein anderer. Der Tag beginnt mit einer Befragung zum Gesundheitszustand, Mund-Nasen-Bedeckungen werden ausgeteilt, Anwesenheiten werden erfasst. In vielen Bereichen wurden die Arbeitsplätze auseinandergerückt, an jeder Ecke finden sich Desinfektionsmittelspender, Trennwände aus Plexiglas wurden aufgestellt. Soziale Kontakte zwischen allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurden reduziert. Und alle nehmen diese Veränderungen geduldig an, in dem Bewusstsein, Verantwortung für die eigene Gesundheit und die der anderen zu tragen. Wir sind zuversichtlich, dass es jetzt wieder aufwärtsgeht.

Unsere Krisenbewältiger - Ein Blick hinter die Kulissen, Teil 2

Mirjam, die Virenkillerin

Korrektes Händewaschen, Hust- und Niesetikette, Händeschüttelverbot – seit Mitte März plötzlich in aller Munde. Und obwohl Hygiene auch abseits einer Pandemie bei der Stadtmission ein wichtiges Thema ist, kamen mit Corona im März völlig neue Herausforderungen auf Mirjam Kaufmann, Hygienebeauftragte in der Stadtmission Chemnitz, zu. Eine davon, gemeinsam mit Schutzmittelversorger Norman Dittmann: Mundschutz und Desinfektionsmittel besorgen – und das auch noch möglichst zu bezahlbaren Preisen.

Normalerweise kümmern Sie sich um die Hygiene in den Senioreneinrichtungen der Stadtmission – was hat Corona an Ihrem Arbeitsalltag verändert?

Schon Anfang März gab es im Haus eine interne Informationsveranstaltung zur damals gerade erst anlaufenden Corona-Pandemie, das war sozusagen der „Startschuss“ für mich. Für diesen Termin habe ich umfangreiche Schulungsunterlagen erstellt. Außerdem habe ich zu diesem Zeitpunkt schon die Bestände an Schutzmaterialien und Desinfektionsmittel in den Häusern überprüft und angefangen, überall wo es nötig war, auch nachzurüsten. Ich habe unsere Einrichtungen mit Desinfektionsmitteln ausgestattet und einen Desinfektionsplan als Leitfaden erstellt, der dann jeweils an die speziellen Bedürfnisse angepasst werden konnte. Außerdem haben wir uns um Pandemiepläne gekümmert, die jeweils von den Häusern als Vorlage genutzt wurden.

Was war daran die größte Herausforderung?

Durch das plötzliche Hereinbrechen der Pandemie hatte ich plötzlich auch mit Kolleginnen und Kollegen zu tun, die sonst nur wenig mit Desinfektionsplänen in Berührung kommen. Einige waren sehr verunsichert und ich konnte ihnen die Angst nehmen. Alle haben sich auf mich verlassen, auch das setzt einen natürlich schon unter Druck. Trotzdem habe ich versucht, die Ruhe zu bewahren und diese auch an die Kolleginnen und Kollegen weiterzugeben. Immerhin habe ja auch noch eine zweite Aufgabe, die Koordination und Betreuung der Auszubildenden. Auch das hat Corona sehr verkompliziert, wir konnten nur telefonisch in Kontakt bleiben und ich hatte gefühlt viel zu wenig Zeit für alle. Trotzdem musste es ja laufen – und es lief auch.

Was lief besonders gut in der Zeit?

Es gab ein regelmäßiges Corona-Update von der Geschäftsleitung, das fand ich sehr gut, weil wir dadurch schnell und tagesaktuell viele Informationen bekommen haben. Das hat sehr dabei geholfen, mich sicherer zu fühlen.

Im Matthias-Claudius-Haus hatten wir außerdem täglich Dienstberatungen – es herrschte bei allen sehr viel Unsicherheit und die vermehrten Beratungen haben sehr dabei geholfen, diese zu minimieren. Die Kommunikation intern war generell die ganze Zeit über sehr gut: Sowohl zwischen den Hausleitern und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im MCH, aber auch zwischen den Hausleitern der vier Häuser.

Der fachliche Austausch über die eigenen Arbeitsgrenzen hinaus und sogar virtuelle Dienstrunden zu Hygiene waren eine richtig hilfreiche Entwicklung.

Was hat Ihnen dabei geholfen, diese intensive Zeit zu überstehen?

Ich habe immer versucht, das Positive aus dem Ganzen zu ziehen – also etwa den guten Zusammenhalt zwischen den Kolleginnen und Kollegen, auch mit denen, mit denen man sonst eigentlich nicht so viel zu tun hat, oder den neu entstandenen Austausch. Es gab von allen Seiten unheimlich viel Zuspruch gegenseitig, alle haben sich motiviert und ihre Emotionen miteinander geteilt. Das war wirklich schön.

Und auch das war schön: ich hatte während der Zeit auch viel Kontakt zu den Bewohnerinnen und Bewohnern, habe ihnen viel erklärt und den Kolleginnen und Kollegen im Haus geholfen, ihnen die Maßnahmen näher zu bringen. Die meisten waren froh über die Regeln und haben uns viel Verständnis entgegengebracht, fast alle Bewohnerinnen und Bewohner haben den massiven Aufwand gesehen und auch gewürdigt – dieser Zuspruch tat richtig gut.

Vielen Dank für das Gespräch!

Unsere Krisenbewältiger – Ein Blick hinter die Kulissen, Teil 1

„Ja, so kennt man mich!“, sagt er, als wir ihm das Foto zeigen: Michael an einem seiner Arbeitsplätze, der Essensausgabe in der Bahnhofsmission.
„Ja, so kennt man mich!“, sagt er, als wir ihm das Foto zeigen: Michael an einem seiner Arbeitsplätze, der Essensausgabe in der Bahnhofsmission.
Noch Ende Mai gab es das Essen an einer improvisierten Ausgabe am Eingang der Bahnhofsmission.
Noch Ende Mai gab es das Essen an einer improvisierten Ausgabe am Eingang der Bahnhofsmission.

Michael, der Zuhörer

Michael Richter (47), arbeitet seit knapp vier Jahren im Tagestreff „Haltestelle“, seit 3 Monaten zusätzlich in der Bahnhofsmission – und kümmert sich dort, so sagt er selbst, um „alles, was so anfällt“. Während der Hochphase der Corona-Pandemie war er einer derjenigen, die den Alltag in der Wohnungsnotfallhilfe aufrechterhalten haben und hatte auch in dieser schweren Zeit immer ein offenes Ohr für Klientinnen und Klienten. Wir haben ihn in der Bahnhofsmission besucht und zu seiner Arbeit in den vergangenen Monaten befragt.

Was war für Sie die größte Herausforderung während der Corona-Zeit?

Das waren eindeutig die vielen Vorschriften, Hygieneregeln und die große Frage, wie man das alles am besten umsetzen kann. Mit den Klientinnen und Klienten war das vor allem am Anfang ziemlich anstrengend – viele konnten oder wollten die Einschränkungen der Öffnungszeiten nicht einsehen und wir mussten sie täglich mehrmals auf die neuen Regelungen hinweisen.

Und was lief besonders gut in der Zeit?

In der Bahnhofsmission gab es während der Hochphase nur Essen an einer Ausgabe vor der Tür, das war ungewohnt, aber hat super funktioniert. Dafür hatten auch fast alle Verständnis. Auch jetzt haben wir dort nur eine begrenzte Platzzahl wegen der Abstandsregelungen. Die Klientinnen und Klienten haben sich daran gewöhnt und kommen gestaffelt zum Essen, das klappt.

Etwas ganz Besonderes war aber unsere Arbeit im Team. Wir haben in der Wohnungsnotfallhilfe von vornherein super funktioniert, wir sind gut eingespielt miteinander. Man konnte sich zu jeder Zeit gegenseitig aufeinander verlassen. Das hat mir besonders gut gefallen.

Und was lief nicht so gut?

Während dieser Zeit wurde ich schon auch mal beschimpft, warum der Tagestreff noch nicht wieder auf ist, obwohl beispielsweise Restaurants schon wieder öffnen durften. Das war schon schwierig für mich. Und auch aktuell gibt es im Tagestreff noch weniger Tische, weshalb nur Menschen ohne Wohnung zum Essen kommen können – alle anderen fragen fast täglich, wann sie wiederkommen dürfen.

Was hat Ihnen dabei geholfen, den großen Arbeitsaufwand zu meistern?

Ich wusste, wofür ich das alles mache. Viele wussten ja gar nicht, wohin sie gehen können, zum Beispiel waren alle öffentlichen Toiletten durch die Stadt Chemnitz verschlossen. Ich wusste also, warum ich dort stehe und warum ich dieses große Arbeitsaufkommen bewältige – das hat mir sehr geholfen. Außerdem gab es eine Zeit lang ein sehr hohes Spendenaufkommen, ich konnte oft richtig schöne Dinge rausgeben, die es sonst nicht andauernd gibt. Das war auch ein schönes Gefühl, die große Freude bei den Klientinnen und Klienten zu sehen.

Mir hat auch mein gutes Verhältnis zu den meisten Klientinnen und Klienten sehr geholfen. Ich habe mit den meisten eine sehr gute Vertrauensbasis und für alle immer ein offenes Ohr. Da kann man ganz anders miteinander kommunizieren, auch wenn man manche Dinge zehn bis zwanzig Mal erklären muss.

Was wollen Sie unbedingt noch sagen?

Ich möchte ein großes Dankeschön an das ganze Team sagen – es haben die ganze Zeit über alle total gut durchgezogen, auch unsere ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen. Alle wollten unbedingt helfen.

Vielen Dank für das Gespräch!